Juristisch durchschnittlich gebildeter Laie (DAU)

Der Begriff DAU für dümmster anzunehmender User (von englisch user ‚Benutzer‘) ist ursprünglich ein Ausdruck für Computerbenutzer ohne Grundlagenwissen und Sachverständnis, die grobe Denk- und Anwendungsfehler im Umgang mit Computern und deren Zubehör begehen. Der Begriff entstand in Anlehnung an das Wort GAU (Größter anzunehmender Unfall).

Im Bereich der Jurisprudenz ist mit dem (gleich gemeinten) Begriff »juristisch durchschnittlich gebildeter Laie« der allgemeine Normadressat gemeint, dem – gerade im Falle seiner Berufung auf das Grundgesetz und die Grundrechte – gleichermaßen jedes auch nur minimal(st)e Verständnis für den Wortlaut und Sinn von Gesetzen abgesprochen wird, was Juristen und Amtsträger jedoch und wiederum nicht daran hindert, von diesem Normadressaten zu verlangen, dass er alle möglichen und unmöglichen Gesetze, Vorschriften und/oder Behördenanweisungen etc. exakt, vorausschauend und pflichtbewusst befolgt – notfalls bis zum Rechtsverzicht.

So gehört es zum Beispiel amtlicherseits zum guten Ton, die Vorschrift des Artikel 1 Abs. 3 GG, wonach die Grundrechte des juristisch durchschnittlich gebildeten Laien als dessen Abwehrrechte die Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes, also erlaubnisfreies Recht binden, gemeinhin als kommunistisches bzw. querulatorisches Ammenmärchen zu disqualifizieren, soweit sie überhaupt als Vortragsgegenstand zur hochherrschaftlichen Kenntnis genommen wird. Gleiches gilt für jeden Hinweis auf die Bindung der staatlichen Gewalt an Gesetz und Recht gemäß Artikel 20 Abs. 3 GG oder gar deren Pflicht zum Schutze der Grundrechte gemäß Artikel 1 Abs. 1 Satz 2 GG. Derartige Hinweise taugen allerhöchstens zur allgemeinen Erheiterung von Amtsträgern bei der rechtswidrigen Ausübung staatlicher Gewalt, vor allem auch in Verbindung mit der Drohung einer Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch.

Anderer Ansicht Gustav Heinemann als Bundespräsident 1970:

»Die halb ernsthaft, halb scherzhaft gemeinte Aussage eines Politikers, er könne nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen, ist ein geflügeltes Wort geworden. Leider steht diese Äußerung vor dem Hintergrund der bedauernswerten Tatsache, dass unser Grundgesetz von nur wenigen gelesen und nur von sogenannten Fachleuten gründlich studiert wird. Um hier einen Wandel zu schaffen, hat die Bundeszentrale für politische Bildung diese Textausgabe des Grundgesetzes herausgegeben. Sie geht davon aus, dass das wachsende politische Interesse, vor allem bei der Jugend, die Beschäftigung mit unserer Verfassung nahelegt. Ich begrüße diese Absicht, denn sie erscheint geeignet, das Vorurteil zu beseitigen, das Lesen von Rechtsbestimmungen sei eine langweilige und wenig hilfreiche Angelegenheit. Für den Bürger eines freiheitlichen Rechtsstaates gibt es im Grunde genommen keine wichtigere Informationsquelle als das Grundgesetz. Dort wird für das politische Handeln des einzelnen, der Parteien und der staatlichen Organe der gültige Rahmen gesetzt; dort wird mit den Grundrechten der freiheitliche Raum des Bürgers gesichert. Nur wer das Grundgesetz kennt, kann alle Chancen an freiheitlicher Mitbestimmung und politischer Mitwirkung nutzen, die unsere Verfassung uns allen anbietet.« Gustav Heinemann, Vorwort zum Grundgesetz, Bonn, den 25. November 1970.

Zustimmend Gustav Heinemann als Bundesminister des Innern 1950:

»Es sei einmütig erklärt worden, daß bei unveränderter Aufrechterhaltung der im Grundgesetz verankerten Grundrechte durchgreifende Maßnahmen nicht getroffen werden können. Es müsse deshalb eine Änderung des Grundgesetzes in Erwägung gezogen werden.« Gustav Heinemann, 89. Kabinettssitzung am 11. August 1950

Und für die Kleinen und schlichten Geister unter den juristisch durchschnittlich gebildeten Laien gibt es noch die Grundrechtefibel, mit vielen weiteren (oft irreführenden) Hinweisen, damit schon die Kinder ab 8 Jahren lernen, auf was sie sich später als Grundrechtsträger gegenüber der staatlichen Gewalt nicht berufen zu brauchen:

»Wir in Deutschland haben mit den »Grundrechten« tatsächlich einen Schatz, um den uns viele andere Länder der Erde beneiden. Sie geben uns den Rahmen für ein friedliches Zusammenleben. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn sich möglichst alle an die Rechte und Pflichten halten. Und dazu muss man sie kennen und anerkennen.

Wenn du meinst, Grundrechte sind langweilig und nur etwas für Erwachsene, dann hast du dich geirrt! Du wirst staunen, wie viel Interessantes du in der Grundrechtefibel entdecken wirst und wo du überall mitmachen kannst, damit die Grundrechte gewahrt bleiben!«

Schriftsätze von juristisch durchschnittlich gebildeten Laien werden, gerade wenn sie sich auf den Wortlaut des Gesetzes beziehen und diesen (überflüssigerweise) auch noch zitieren, als (unerhebliche) Mindermeinung, Rechtsauffassung oder -ansicht, der man hier nicht folgen kann, bzw. kurz und intern als Laien-Prosa bezeichnet. Sie bilden einen nicht unwesentlichen Bestandteil der allgemeinen Belustigung unter echten Juristen.

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